Der Online-Wolf im Schafspelz
“Die Bescheidwisser” — so überschreibt Peter Schumacher, Professor für Journalistik an der Hochschule Darmstadt, seine Rezension zu dem Update von Wolf Schneiders Klassiker “Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus
“. Diese Rezension wäre hier im Blog nicht weiter zu erwähnen, würde sie nicht zeigen, wie Wolf Schneider bedauerlicherweise in die Kerbe “das böse Internet” schlägt — und das von einem Journalisten, von dem man in der Regel mehr erwarten kann. Wie in der o. g. und anderen Rezensionen dargelegt, scheint “Online-Journalismus” nur als Buzzword zur Vortäuschung von Aktualität aufgenommen worden zu sein, denn von Sachlichkeit und Anleitung zum “richtigen” journalistischen Umgang damit, kann wohl keine Rede sein.

Trigema: Twitter ist für mich einfach nur dumm und die Menschen, die das nutzen, sind für mich Idioten. (Quelle: Innovativ-in, 4.5.2010)
Leider scheint es inzwischen zum “guten Ruf” zu gehören, 20 Jahre nach dem Wandel zum Massenmedium sich “kritisch” mit dem Internet auseinandersetzen zu wollen — oft allerdings lediglich in herablassender Form. Damit gesellt sich Schneider bedauerlicherweise zu fachkundigen Internetausdruckern wie Ansgar Heveling (für die CDU im Bundestag), Kerner (der überflüssige Moderator; “Twitter braucht kein Mensch”) oder Grupp (Trigema T-Shirts; “sind für mich Idioten”).
Es ist bedauerlich, wenn jmd. seine durchaus berechtigten kritischen Äußerungen zu Stil und Sprachschlampereien mit solch einer unsachlichen Vorgehensweise selbst entwertet. Mir kommt die explizite Unterscheidung von “Journalismus und Online-Journalismus” in etwa so vor, als würde man die Unterscheidung nach Times oder Helvetica als Qualitätskriterium anführen. Sicherlich gibt es Unterschiede, aber für Schneider ist es scheinbar “Qualität” vs. “Blödheit”. Würde man sich auf dasselbe Niveau begeben, müsse man sagen: Ein Buch, das man für 4,50 Euro fast geschenkt bekommt, kann ja nichts taugen.
[Update]
Die Website “Media Perspektiven” berichtet im Beitrag “Journalismus im Internet aus Nutzersicht — Ergebnisse einer Onlinebefragung” übrigens positiv über Online-Journalismus:
Die Websites der Presse und des Rundfunks erfüllten fast alle Erwartungen in sehr hohem Maße. Dies sind Ergebnisse einer Studie zu Identität und Qualität des Journalismus im Internet aus Nutzersicht. Mittels einer Onlinebefragung wurde zunächst ermittelt, was Rezipienten, deren Vorstellungen von Journalismus bisher nur wenig erforscht sind, unter (gutem) Journalismus verstehen. (…) Für den Journalismus lässt sich bilanzieren, dass er seine bisherigen Stärken erfolgreich auf das Internet übertragen konnte.
In einem PDF kann man den ausführlichen Bericht nachlesen.
- Die Bescheidwisser (Schumacher)
- Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus (Amazon)
- Auf den Punkt: Trigema-Chef Wolfgang Grupp zum Web (Innovativ-in)
- Was ist eigentlich #heveling? (OL)
- Kerner: Twitter braucht kein Mensch. (OL)
- Sachkundige Einschätzung zu Twitter (OL)
- Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus (BPB)
- Journalismus im Internet aus Nutzersicht (Media Perspektiven)
- Journalismus im Internet (PDF | Neuberger)
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